Kann man Einfühlungsvermögen lernen?

Empathisch sein - wie geht das?

Darüber hat sich als einer der Ersten der Psychologe Carl R. Rogers Gedanken gemacht. Er entwickelte eine Technik der Gesprächsführung, die die Zeitschrift emotion in 10 einfache Tipps zusammengefasst hat.


1. Ehrlich sein

Nicht nur dem anderen gegenüber, sondern auch zu sich selbst. Die Grundlage der Empathie ist die Kenntnis unserer eigenen Gefühle: Wer diese nur als diffuse Gemütslage wahrnimmt, wird kaum ein einfühlsamer Gesprächspartner sein. Um bei einem anderen tiefe Enttäuschung zu spüren, muss man auch selbst bereit sein, sich seine eigenen emotionalen Verletzungen anzuschauen.

2. Nähe entstehen lassen

Vertrautheit im Gespräch kommt auf, wenn man zuweilen formuliert, wie man die Gefühle des anderen wahrnimmt: “Ich glaube, du bist vor allem wütend darüber, dass …” Solche Sätze helfen dem anderen, seine Empfindungen besser einzuordnen. Auch eigene Erfahrungen kann man einbringen, sollte dabei aber nicht vergessen: Es geht gerade nicht um mich, sondern um den anderen.

3. Sich Zeit nehmen

Wenn die Freundin in Liebeskummer ertrinkt, Sie aber in drei Minuten aus dem Haus müssen, hat es wenig Sinn, mit ein paar Sätzen am Telefon auf sie einzugehen und dann das Gespräch zu beenden. Besser: Sagen Sie, dass Sie in Eile sind, und verabreden Sie sich für später, wenn auch Sie Zeit haben.

4. Wirklich zuhören

Es kann genügen, einfach dazusitzen und ab und zu bestätigend zu nicken. Manchmal passt es gut, die Worte des anderen zu wiederholen. In der Psychologie spricht man von “spiegeln”. Man sollte es behutsam einsetzen, da sonst rasch der Eindruck entsteht, man plappere wie ein Papagei alles nach und sei nicht aufmerksam. Fragen Sie nach, wenn etwas unklar bleibt. Stellen Sie “offene Fragen”, die mit “Was”, “Wie”, “Warum “, “Womit ” beginnen und den anderen nicht von vornherein festlegen. Ist dieser sehr mitteilungsbedürftig und spricht ohne Unterlass, zeigen ihm Einwürfe wie “Ja” oder “h-hm”, dass man gedanklich noch bei ihm ist und nicht bei der Wochenendplanung.

5. Ungeteilte Aufmerksamkeit schenken

Wir sind oft stolz darauf, Multitasking-Talente zu sein: Wir gehen ans Handy, obwohl wir gerade essen oder unsere E-Mails checken. Wer aber wirklich auf den Freund, den Geschäftspartner, die Mutter eingehen will, muss auch einmal die Stopptaste drücken und dem anderen zeigen: Du bist mir wichtig, und ich lasse mich durch nichts von dir und dem, was dich beschäft, ablenken. Das ist schlicht eine Form von Respekt.

6. Positive Aspekte zeigen

Ihrer besten Freundin ist eine Kollegin bei der Beförderung vorgezogen worden, und ihre WG-Partnerin zieht auch noch überraschend aus. Solche Situationen sind zwar nicht schön, aber auch kein Anlass für stundenlanges Selbstmitleid. Nachdem man Verständnis gezeigt hat, kann es unterstützend sein, positive Aspekte der Situation anzudeuten: “Du hast doch schon öft er mal überlegt, wieder einmal allein zu wohnen - jetzt ist die Möglichkeit dazu da.”

7. Wertschätzen statt werten

“Das ist typisch für dich” oder “Du kannst eben nicht aus deiner Haut” bringen kein Gespräch weiter. Dadurch fühlt sich der andere nur angegriffen und nicht ernst genommen. Be- und verurteilen Sie Ihr Gegenüber nicht. Auch Floskeln wie “Das wird schon wieder” oder “Das kann doch jedem einmal passieren” erwecken den Eindruck, dass Sie sein Anliegen nicht ernst nehmen.

8. Nicht ständig unterbrechen

Wenn etwas unklar ist, sollte man natürlich nachfragen. Ständiges Unterbrechen aber hemmt jeden Gesprächsfluss, und der andere fühlt sich eher ausgefragt als verstanden. Zum Nicht-Unterbrechen gehört auch, Gesprächspausen zuzulassen. Denn dabei entstehen wichtige Räume, in denen sich Gedanken und Gefühle neu ordnen können.

9. Auf die Körpersprache des anderen achten

90 Prozent aller emotionalen Mitteilungen sind nonverbal: Viele Menschen zeigen größtenteils über ihre Körpersprache, dass sie aufgewühlt oder traurig sind. Sie kneten die Hände, sprechen mit zittriger Stimme, lassen die Mundwinkel hängen. Hören Sie dem anderen deshalb nicht nur zu, sondern beobachten Sie ihn auch. Wenn Ihnen jemand mit verschränkten Armen gegenübersitzt und jedem Blickkontakt ausweicht, ist das nicht der richtige Zeitpunkt, um heikle Themen anzusprechen. Es reicht vielleicht die Frage, wie er sich fühlt .

10. Grenzen setzen

Bei allem Verständnis und Einfühlungsvermögen: Wenn Sie den Eindruck haben, Ihre Geduld wird missbraucht - etwa durch Anrufe spätabends -, dann sagen Sie es. Weisen Sie auch darauf hin, wenn Sie meinen, dass der andere therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Überfordern Sie sich selbst nicht.

Text von Andrea Freund, emotion

2 Responses to “Kann man Einfühlungsvermögen lernen?”

  1. Sandra Braun Says:

    Guten Tag Fr. Deißler, superinteressante Seite! Dürfte ich diesen Artikel in meinen Blogg aufnehmen, natürlich mit Quelle? Außerdem interessiere ich mich wie man diesen Beruf erlernen kann. Viele Grüße S. Braun

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